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93. Lucien/Emmanline

  ?Ich m?chte euch Emmanline vorstellen. Sie ist bereits seit l?ngerer Zeit hier auf dem Schloss und wird uns helfen, mehr Informationen über Culebra zu erhalten.“ Lucien ignorierte die aufkommenden Zwischenrufe bewusst.

  ?Wie soll sie das k?nnen?“ Misstrauen erfüllte augenblicklich den Raum.

  ?Weil…“, setzte Lucien an, doch Emmanline unterbrach ihn ruhig.

  ?Ich kann für mich selbst sprechen, Lucien. Du musst mich nicht vertreten“, meinte sie ohne jegliche Emotionen. Dabei sah sie zu ihm auf und legte ihre Hand hauchzart auf seinen Unterarm... eine kleine, aber eindeutige Geste.

  Pl?tzlich erklang ein leises Lachen, das sofort alle Blicke auf sich zog. Darius wirkte amüsiert. ?Ich glaube… sie gef?llt mir.“ Er erhob sich, umrundete den Tisch und griff nach einem Stuhl, der an der Wand stand. Bed?chtig stellte er ihn neben seinen Prunkvollen und schob ihn hinter Emmanline n?her heran, sodass sie sich setzen konnte. Sein Onkel war schon immer der charmante, aufmerksame Gentleman gewesen, doch so weit war er bisher noch nie gegangen.

  ?Danke“, reagierte Emmanline sichtlich überrascht, ihre sch?nen Augen verengten sich leicht. ?Ihr… ihr seid es gewesen. Gestern im Garten.“

  ?Erwischt.“ Darius hob lachend und ergeben seine H?nde, ein verschmitzter Ausdruck auf seinem Gesicht. ?Setz dich doch.“ Und tats?chlich setzte Emmanline sich, w?hrend nun auch Lucien wieder Platz nahm und r?tselte, was das sollte.

  ?Wie willst du helfen, meine Liebe?“, fragte Tarana sanft. Sie war wohl die wohlwollendste Seele in diesem Raum.

  Emmanline richtete ihren Blick ernst auf sie. ?Weil ich mein ganzes Leben unter ihm verbracht habe.“ Ohne Wenn und Aber… kein Geheimnis. Lucien war sich mehr als bewusst, wie schockiert und abweisend einige reagieren würden, doch so war es nun einmal. Und er würde nicht zulassen, dass jemand schlecht über seine Gef?hrtin sprach.

  ?Was soll das, Lucien? Du bringst eine Frau in dieses Schloss… die eine Spionin sein k?nnte?“, provozierte Volteer.

  ?Dann auch noch in eine Ratssitzung?“, reizte Terrador weiter.

  ?Sie wird uns ausspionieren und verraten“, warf Volteer weiter ein, seine dunkle und ernste Stimme.

  Nicht alle reagierten voller Abneigung. Lucien wusste, dass sein Onkel zu denen geh?rte, die offener waren. Nicht zuletzt, weil Lucien ihm bereits von Emmanline erz?hlt hatte. Doch er war nicht der Einzige.

  ?Heilige G?tter“, schnappte Messuria nach Luft und ihr zartes Gesicht wurde bleich. ?Unter… Culebra?“

  ?Wie konntest du… das überleben?“, knurrte Lyndiana. Auch wenn sie die Schwester seiner Mutter war, unterschieden sie sich in jeder Hinsicht. Seine Mutter hatte dunkelblaues Haar, violette Augen und eine kr?ftige Statur, w?hrend Lyndiana dunkelbraunes kurzes Haar, blaue Augen und eine zierliche Erscheinung besa?. Doch man sollte sie keinesfalls untersch?tzen.

  ?Nicht leben“, antwortete Emmanline mit einer so eiskalten Stimme, dass selbst Lucien eine G?nsehaut bekam. Die Worte trafen unerwartet und erschreckend zugleich. Sein Herz schmerzte und sein Drache fauchte wehleidig auf. ?Aber wir sind nicht wegen mir hier. Ich will helfen, damit Culebra gefunden wird.“

  Für einen Moment herrschte schockierte Stille, bis Darco als Erster das Wort ergriff. ?Woher sollen wir wissen, dass du uns die Wahrheit sagst?“

  Emmanline

  Emmanline wusste, wie schwer es sein würde, hier vor dem Rat und all den Drachen zu stehen. Sie h?tte genauso reagiert, wenn es darum gegangen w?re, alle zu beschützen. Dennoch war sie hier, weil sie helfen wollte… und weil Lucien sie darum gebeten hatte. Eigentlich h?tte sie es nicht tun müssen, denn sie h?tte genügend Gründe gehabt, sich zurückzuziehen. Trotzdem tat sie es, weil sie sich mit diesem Mann an ihrer Seite eingelassen hatte. ?überhaupt nicht. Aber es spricht nichts dagegen, wenn ich vielleicht etwas Wertvolles sagen kann. Doch ihr müsst zugeben, Culebra ist euch immer einige Schritt voraus, egal was ihr macht.“ Ihre Stimme klang kalt und emotionslos, doch das war nicht absichtlich. ?Ich kann auch wieder gehen, wenn ihr es wünscht.“

  Aus irgendeinem Grund vermied Emmanline den Augenkontakt mit Lucien, obwohl sie genau wusste, wie überrascht er sie anschaute. Sie würde nicht hier sitzen bleiben, wenn ihr alle mit purer Verachtung, Misstrauen oder Ablehnung begegneten… das hatte sie nicht verdient. In der ganzen Zeit, die sie hier war, hatte sie mehr Selbstbewusstsein entwickelt, als sie je gedacht h?tte.

  ?Du musst nicht gehen, meine Vahdin.“ Lucien nahm ihre Hand in seine und sprach ruhig, aber bestimmt und… was war das für ein fremdartiger Name? Er hatte sie zuvor so noch nie genannt, aber den anderen aus ihren Gesichtern lesend, erkannte Emmanline, dass er eine wichtige Bedeutung haben musste. Wieder folgte ein Schweigen, nur unterbrochen von tiefen Atemzügen.

  Die Blicke der Ratsmitglieder wanderten zwischen ihnen hin und her, offensichtlich irritiert. ?Was hat das zu bedeuten?“

  ?Ganz einfach. Emmanline ist meine vorherbestimmte Seelengef?hrtin. Mann und Drache haben sich entschieden.“ Lucien sprach fest und beherrscht, als g?be es keinerlei Widerworte. Seine Aura sprach für sich, die er in dominanten Wellen verstr?mte. Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen, offenbar verstanden alle es als Zeichen, am besten nichts zu tun.

  Irgendwie war es Emmanline unangenehm, und sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Lucien hatte eine m?chtige Bombe platzen lassen, und gleichzeitig ?rgerte es sie zutiefst. Wie konnte er es wagen, ?ffentlich bekannt zu geben, was sie miteinander verband? Privat h?tte sie nichts dagegen gehabt, doch jetzt… in der ?ffentlichkeit, fühlte es sich wie ein Verrat an ihre eigenen Grenzen an. Sie war noch nicht so weit. Lucien hingegen wusste genau, dass sie keinen Aufstand wagen würde… diese Erkenntnis allein brachte Emmanline innerlich zum Kochen. Sie fand keine Worte, um ihm zu sagen, wie viele obsz?ne und hitzige Gedanken ihr gerade durch den Kopf schossen, dabei hatten sie noch nicht einmal das letzte Wort gesprochen.

  Was würden die Anwesenden nun denken, da sie wussten, was sie für Lucien war? Emmanline selbst konnte es noch immer nicht begreifen, was sie ihm bedeutete, und je l?nger sie darüber nachdachte, desto fremder fühlte sich diese Verbindung für sie an. Vielleicht gab es Ausnahmen, vielleicht würden einige sie akzeptieren, doch sie wusste genau, dass viele gegen diese Bindung sein würden… und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, wollte sie es im Stillen und in diesem Augenblick auch nicht. Dennoch hatte sie Lucien versprochen, ihm zu helfen, besonders was den Rubin betraf, also musste sie zumindest teilweise darüber hinwegsehen. Gerade deshalb empfand Emmanline es als unfair, wie er sie nun ?ffentlich pr?sentierte, ohne sie vorher gefragt oder vorbereitet zu haben.

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  ?Also ich habe nichts gegen diese Verbindung, solange mein Neffe glücklich ist.“ Die Stimme eines Mannes erklang weiter hinten im Raum, und sofort fiel Emmanline auf, dass er Lucien in Haltung und Ausstrahlung ?hnelte. Es musste jemand aus seiner Familie sein. Gerade weil er ihn als Neffe bezeichnete, konnte er nur sein... Onkel sein.

  ?Ich auch nicht“, fügte die Frau an seiner Seite hinzu. Eine anziehende goldhaarige Sch?nheit, die absolut nicht ihre Freizügigkeit verbarg, und in diesem Moment spürte Emmanline etwas zwischen ihnen… eine starke, tiefe Verbindung, die sie bis ins Innerste traf. Seelengef?hrten... erkannte Emmanline instinktiv, ohne zu wissen, woher dieses Wissen kam. Lucien l?chelte ihnen dankbar zu, w?hrend sie es noch immer nicht fassen konnte.

  ?K?nnen wir jetzt vielleicht darüber sprechen, wie ihr Culebra finden und fangen wollt?“ Ihre Stimme klang fester, als Emmanline sich fühlte, doch sie wollte so schnell wie m?glich zu dem eigentlichen Thema kommen, denn diese Situation behagte ihr überhaupt nicht. Und weil sie so schnell wie m?gliche wieder aus diesem Raum wollte.

  ?Sicher“, antwortete eine Frau freundlich, ?sprich nur, meine Liebe. Was wei?t du?“ Die Anrede lie? Emmanline innerlich zusammenzucken.

  Oh je, wie soll ich da nur anfangen?

  Emmanline blickte in die Runde. ?Ich wei?, dass Culebra einst am k?niglichen Hof war und selbst ein Mitglied des Rates gewesen war.“

  ?Das ist kein Geheimnis“, kam es prompt zurück.

  ?Nein“, erwiderte Emmanline ruhig, ?aber er kennt euch alle. Er wei?, wie ihr handelt, wie ihr Entscheidungen trefft und wie ihr vorgeht. Ich habe ihn oft sagen h?ren, wie leicht durchschaubar ihr seid und dass ihr für ihn keinerlei Gefahr darstellt. Er ist euch immer mehrere Schritte voraus, egal was ihr tut, und er wird so lange weitermachen, bis er sein Ziel erreicht hat.“ Ein leichtes Schulterzucken begleitete ihre Worte.

  ?Und was soll dieses Ziel sein?“, fragte Lucien neben ihr leise, aber angespannt.

  Für einen kurzen Moment sah Emmanline ihn bedacht an, dann antwortete sie ohne Z?gern, w?hrend sie eine verlorene wei?e Str?hne hinter ihr Ohr strich. ?Er will dich vom Thron sto?en und selbst die Herrschaft übernehmen. Er will über das Drachenvolk herrschen.“ Wobei Emmanline unheimlich froh war, dass der Schwur beim Mythos, den sie damals geleistet hatte, aufgehoben war. Lucien widerlegte ihr Verbot, über die Geheimnisse der Drachen zu sprechen, denn ansonsten würde sie im n?chsten Wimpernschlag vor unendlichen und qualvollen Schmerzen am Boden liegen.

  ?Unfug“, schnaubte ein Mann mit kurz geschnittenem braunem Haar und leuchtenden braunen Augen. ?Wie will er das denn bitte anstellen?“

  ?Ich wei?, wie das klingt. Unter den Drachen kann nur der rechtm??ige K?nig unter euch herrschen, dem alle wirklich folgen. Es kann kein anderer sein, denn sonst g?be es keine Einheit im Drachenvolk, und ohne diese Einheit w?rt ihr angreifbar, zersplittert und schwach. Nur der Rechtm??ige beherrscht die Drachen und vermag es sie zu kontrollieren.“ Ihr silberner Blick wanderte erneut durch die Runde, w?hrend sie ruhig auf ihrem Stuhl sa?. Viele Blicke waren überrascht, andere schockiert und fassungslos. ?Schaut mich nicht so an. Zu Recht solltet ihr mir Misstrauen entgegenbringen, denn ich wei? zu vieles. Geheimnisse, die niemand kennen sollte, doch ich hatte keine Wahl.“ Zu tief sa?en die Wunden, die Emmanline deswegen davongetragen hatte. ?Culebra hat sich oft an Gefangenen vergriffen, sie gefoltert und get?tet, meist aus blo?er Wut heraus, und es hatte ihm nie etwas ausgemacht, davon zu erz?hlen. Wenn etwas nicht nach seinen Pl?nen lief, lie? er seine Frustration an anderen aus.“ So war es immer gewesen und würde auch immer so bleiben, wenn diesem abtrünnigen und hasserfüllten Drachen nicht Einhalt geboten wurde.

  Entsetzte, hasserfüllte Laute erfüllten den Saal. ?Du… lieber Himmel.“

  ?Dieser Bastard“, knurrte ein anderer wutverzerrt, und Emmanline konnte jeden einzelnen Drachen unter ihrer Oberfl?che spüren. Es prickelte in der Luft, die greifbar war.

  ?Ich will kein Mitleid, kein Bedauern und keine Entschuldigungen h?ren.“ Ihre Stimme blieb ruhig, beinahe kühl. ?Culebra ist nie davon ausgegangen, dass jemand entkommen k?nnte. Er ist gerissen, handelt mit Pr?senz und Klugheit, und seine Intrigen sind grausam. Ich habe gesehen, wie seine Anh?ngerschaft stetig w?chst. Er schlie?t Pakte… versteht sich meisterhaft auf überredung und schart sie alle um sich.“ Kurz hielt Emmanline inne und befeuchtete einmal ihre Lippen mit ihrer Zunge. ?Ihm ist es gleichgültig, ob nur der vorherbestimmte K?nig regieren darf oder soll. Er ist der Meinung, das Drachenvolk sei dem Untergang geweiht, weil es an St?rke verliert. Culebra will es neu auferstehen lassen… egal wie viel Blut vergossen wird oder über wie viele Leichen er gehen muss, solange es ihn seinem Ziel n?her bringt.“

  ?Und was schl?gst du uns vor?“, meldete sich der Mann zu Wort, der Lucien unheimlich ?hnlich sah. Sein schwarzes, schulterlanges Haar war genauso lang wie seines. Nur eine geflochtene Str?hne lief über seinen Scheitel und war in einem Knoten am Hinterkopf zusammengebunden. Nur seine Augen waren im normalen Zustand nicht rot, sondern blassblau… sehr ausdrucksstark und durchschauend. Emmanline durfte diesen Drachen nicht untersch?tzen. ?Was w?re für uns ein Vorteil?“

  Einen Augenblick lang sah es aus, als würde sie überlegen, doch eigentlich wusste Emmanline die Antwort l?ngst. ?Ihr müsst genauso denken wie er.“

  ?Niemals“, kam es sofort, heftig und entschieden… Ablehnungen und Proteste aus jeder Ecke.

  ?Ich sage nicht, dass ihr dasselbe tun sollt“, entgegnete Emmanline ruhig und sachlich. ?Aber es gibt eine Gemeinsamkeit, die euch alle verbindet. Ihr seid Drachen. Culebra besitzt Raffinesse und Verstand, doch er handelt allein aus seiner Natur heraus. Er l?sst sich von seinem Drachen leiten, und genau das hat ihn so weit gebracht. Der Drache ist tief in seinem Inneren ein blutrünstiges Wesen. Das ist keine Verurteilung, sondern eine Wahrheit aus eurer eigenen Natur heraus.“ Eine drückende Stille senkte sich über den Saal.

  ?Schl?gst du uns vor, wir sollen uns ganz unserer wahren Natur hingeben?“ Luciens Stimme war beherrscht, ernst und lie? Emmanline schlucken. ?Wenn wir das tun, k?nnten wir der Raserei verfallen, und wenn das geschieht, kommen wir nicht mehr zurück. Wir h?tten keine Kontrolle mehr über unser Handeln und w?ren genau das… was du beschreibst.“

  Emmanline wusste, wie unm?glich ihr Vorschlag klang, doch die Wahrheit war das Einzige, was sie weiterbringen konnte. ?Und was ist mit euren Liebsten und eurem Volk, das ihr beschützen wollt?“, fragte sie leise, aber eindringlich. ?Würdet ihr nicht alles tun, was in eurer Macht steht?“

  ?Natürlich würden wir das“, erklang erneut die sanfte Stimme aus der Runde.

  ?Seit ich an diesem Hof bin, habe ich etwas gesehen, das ich zuvor nie kannte“, fuhr Emmanline fort, und nun brachen die Worte ungehalten aus ihr heraus. ?Solange ich denken kann, bin ich unter euch aufgewachsen und habe nur Brutalit?t, Gewalt und Tod kennengelernt. Doch hier ist alles anders, fast widersprüchlich zu allem, was ich je gelernt habe. Ihr geht liebevoll miteinander um, respektiert euch, sch?tzt und beschützt einander, ihr steht füreinander ein… gemeinsam, niemals allein.“ Ein leiser Stich zog sich durch ihre Brust, weil Emmanline all das nie in ihrer Kindheit hatte erleben dürfen. ?Ich habe gesehen, wie ihr euch umeinander kümmert, selbst wenn ihr euch kaum kennt… allein weil ihr euresgleichen seid.“ Sie atmete tief durch. ?Das bedeutet doch, dass niemand zulassen würde, dass ihr in eine Raserei verfallt. Und genau hier liegt der Unterschied zu Culebra. Er hat viele Anh?nger, aber niemanden, dem er wirklich vertraut. Niemanden, der ihn zurückh?lt oder ihm Grenzen setzt. Ihr schon. Gerade weil ihr aufeinander achtet.“

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